Ein Maler seiner Zeit
Eines der frühesten Bilder des 18jährigen Kölner Gymnasiasten und Kunstgewerbeschülers Alfred Dupré ist ein surrealer Angsttraum: die drohende Erscheinung einer Phalanx grauer Geisterköpfe, die sich hinter der Ratio von Reißschienen, Zirkel und Winkelmaß im Vordergrund erheben. Dämonie, die immer weiter hinter alle Zivilisation und Technik weist, sich in einer gesetzmäßigen Spannung in gegenseitigem Wachstum steigert.
Dann aber zeigt die Welt ein freundliches Gesicht. Der Maler Fritz Weinzheimer (Köln) eröffnete ihm den Blick für die Herrlichkeit der Farbe, Werner Heuser (Düsseldorf) für die Gesetze einer überzeugenden Bildkomposition. Nach 1922 sind Duprés Bilder von einer großzügigen, jugendlichen Unbekümmertheit, und als er mit 20 Jahren sich zu der internationalen Malergruppe in Anticoli in den Sabiner Bergen gesellt, erlangt er überraschend schnell eine virtuose Technik und persönlichen Stil.
Seine Bilder, Landschaften, Portraits und Akte aus den Jahren 1924-31, in Anticoli, Rom, Paris, Sanary, Portofino und Bellizona entstanden, sind zunächst pastos (leicht expressiv), mit kraftvollem Temperament gemalt, später mehr mit glatter Oberfläche im Stil der aufkommenden „neuen Sachlichkeit“. Das Vorbild von Derain und Utriollo sowie Courbet im Hintergrund (den er in Paris mit Begeisterung studierte) förderte seine Entwicklung, ebenso wie der freundschaftliche Umgang mit den italienischen Malern De Chirico und Martinelli. Als er 1931 endgültig nach Deutschland zurückkehrte, kamen die Motive an der Nordsee, am Niederrhein und im Lahntal dem „romantischen“ Zug seiner Bilder entgegen.
Stiltreu
Die allgemeine Tendenz des „Nach-Expressionismus“ zu einem gefestigten, handwerklich fundierten Stil ist schon seit Mitte der zwanziger Jahre in der ganzen Welt zu bemerken. Für Alfred Dupré aber waren Einflüsse immer nur „sekundär“. Er nahm sie auf, wenn sie seiner persönlichen, durch seelische Probleme bestimmten Entwicklung übereinstimmten. Ein Fluss mit eigenem Ursprung mündet in den Strom der zeit. Was als ein „Ausdruck der allgemeinen Psyche“ gelten kann, ist hier zugleich als Ausdruck eines einmaligen Menschen und Künstlers zu erkennen. Ein sicheres Zeichen der Wahrhaftigkeit dieser persönlichen Entwicklung ist es, dass auch die neuen, deutschen „romantischen“ Zeichnungen und Bilder die gleiche Handschrift wie die früheren italienischen zeigen. Wie anders – aller äußeren Erfolge ungeachtet – die scheinbar geschlossene und harmonisierte Welt sich alsbald wieder zu ihren Hintergründen lockert und öffnet.
Nach dem Krieg

In der deutschen Abgeschlossenheit nach dem Krieg entstehen Bilder der Sehnsucht nach Paris. Die verfestigte Linie der Boulevards beginnt wieder impressionistisch zu oszillieren. Der Mensch freilich vereinsamt hinter der Glasscheibe des Cafés; keine Hand rührt mehr an die andere; Verbindungen werden nicht vollzogen; es trennt ein Abgrund von Müdigkeit und Trauer. Oder der Mensch ist aus den Dingen bereits entwichen; nur noch mittelbar ist er sichtbar.
Ein Beispiel sei das Bild "Balkon": Hier ist in kleinem Format die Welt draußen und die Welt drinnen parallel gesetzt: die graugrünen dahinflutenden Horizonte der Weltstadt Paris – akzentuiert von rauchenden Fabrikschloten und den dunklen Fensterpunkten unzähliger Mietswohnungen – und die Welt hinter dem rechts und links von Vorhang und Paravent abgeschlossenen Balkon, dessen gleichmäßiges Ziergitter das Häusermeer wie in Kategorien teilt. Ein rotes Dach grüßt herüber zu dem Rot auf der Palette und dem Maler.
Surrealismus

Kompositionen in kleinstem Format kennzeichnen die Wesensart von Alfred Dupré, die sich hinter den Dingen verbirgt, die zart und unmittelbar ist. Die Welt wird keineswegs bedingungslos naturalistisch gehuldigt; sie bleibt durch ein Gitter getrennt, aber auch die eigene Seele soll sich nicht eigenwillig expressiv enthüllen: „ …das Gleichgewicht muss gehalten werde in einer unsäglich gefährlichen Lage. Die erschütterte Harmonie zwischen Mensch und Welt soll noch einmal erklingen.“
Die Regie Alfred Kubins wird in den Zeichnungen der letzten Jahre angerührt; aber von der Großstadt her, nicht von der verwunschenen Einöde des Innviertels, und dementsprechend arbeitet der Zeichner mit Kugelschreiber und vielfarbigen Tuschen.
Zugleich aber, da die Erde versinkt, beginnt es in der Luft zu schwirren. Eine andere Welt rauscht herab. Seine Einwohner sind zu Masken und Marken gestanzt; noch sind die Gesichter Menschen ähnlich, aber jede Körperlichkeit ist ihnen genommen; allenfalls bleibt das Volumen eines aufgeblasenen Lampions. Architektur und Dekor: alles Attrappe, die ins Ornamentale verweht. Ein fliegender Polyp von einer buntschillernden Verführungskraft: blau im Grundton, aber rot, lila und grün akzentuiert, in leichten, leuchtenden Wasserfarben.
Die Erde selbst wird von den Gebilden der Zivilisation überzogen. Die Kirchen sind von Hochhäusern erdrückt, die letzten Bäume verdorren, das ferne Schloss und der heilige Berg entschwinden. Das Indirekte wuchert: An diesem Ende werden Surrealismus und ungegenständliche Kunst zu der oft gesuchten Einheit.
Lebensende

Mit beiden für die moderne Kunst bestimmenden Gattungen hat sich Alfred Dupré in den letzten Jahren seines Lebens fast ausschließlich beschäftigt. Zu den entstandenen Ölbildern und Zeichnungen von Galerierang gibt es eine Menge teils gedanklicher, teils experimenteller Studien als Paraphrase. Für Alfred Dupré waren diese Arbeiten keine übernommene Mode, sondern der durch mannigfache, schwere persönliche Erlebnisse bedingte Rückgriff auf jene Bilder, mit denen der 18jährige seine Weltangst zu bannen versuchte. Eine Kreis, der sich nach einer all zu kurzen Wanderung durch freundliche Regionen der Erde und des Lebens geschlossen hat. Sein letztes Bild stellt eine Waldlichtung dar – Stämme, grünes Laub und blauer Himmel in der Art seiner mittleren, Welt zugewandten Periode gemalt – mit weißen Flächen – unvollendet.
24, August 1956, ein Monate vor seinem Tod, schrieb er in einem Brief an einen Freund:
„Die Menschen, die moderne Kunst verstehen und die das, was nicht gleich auf Anhieb verständlich erscheint, ablehnen oder gar für einen Witz halten, sind gar nicht so häufig. Ich möchte übrigens behaupten, dass Menschen, die in modernen Bildern die Qualität nicht entdecken, dazu auch bei den alten Meistern nicht im Stande sind!“